Weissefahne schwenken.


Noir
18. September 2008, 15:19
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Ich begann ihnen zu glauben. Ich begann mit einem mal zu fühlen. Zu fühlen wie sie; die Bewohner.

Wo bin ich?

Warum hilft mir niemand?

Eine 92-jährige Dame wurde bestohlen, sagt sie mir unter Tränen. Sie ist fast blind und so gut wie taub. Ich frage mich, wer an der “alte-Leute”-Kleidung dieser Bewohnerin interessiert sein könnte. Mir fällt eigentlich  niemand ein. Aber außerdem? Die Dame ist nicht wirklich beliebt bei dem Pflegepersonal. Sie stellt Ansprüche. Zu recht, wie mir scheint. Aber das diesen Ansprüchen nicht gerecht geworden wird, liegt in erster Instanz vielmehr am Staat, als am Personal. Sagt das Personal. Ich glaube auch ihm. Ein Pfleger sagte mal zu mir, er wolle das alles mal filmen. Und das dann der Gesundheitsministerin Deutschlands schicken.

Aber das ist es nicht, was mir Sorge bereitet. Die Bewohnerin zieht Schlüsse, grübelt. Sie hat – als ihre Sinne noch nicht durch das Alter so sehr geschwächt waren – viel gelesen und aktiv teilgenommen am Leben. So sagt sie und ich glaube ihr. Sie ist hier weil sie gebrechlich -, nicht weil sie dement ist. Zumindest glaube ich das. Sie sagt es ja auch oft.

Warum hilft mir niemand?

Wo bin ich?

Ich besuche zwei Bewohner in einem Krankenhaus – nein, Korrektur: Ich besuche sie nicht, ich bringe ihnen Wäsche vorbei. Bewohnerwäsche wird auch bei Krankenhausaufenthalt weiterhin bei uns gereinigt. Also fahre ich hin. Es wird eh länger dauern, ich nehme mir immer ein paar Minuten Zeit. Zu erst  bin ich bei einer Dame. Sie wird bald operiert, doch es geht ihr soweit gut. Dann besuche ich einen Herrn, den jüngsten Bewohner bei uns (55). Ich begleite ihn zum Röntgen im Krankenhaus – wenn ich doch schon mal da bin. Er sagt mit seiner kratzigen Stimme, es gehe ihm gut. Ich nicke , ich glaube ihm. Ein Oberarzt, der sieben Sprachen beherrscht unterhält sich mit dem Herrn in seiner Landessprache. Irgendwann nickt der Bewohner in meine Richtung, dann lachen beide. Nachher frage ich ihn, worüber sie gesprochen haben. Er lächelt mich an und sagt, dass der Arzt gefragt habe ob ich ein guter Kerl sei. Nun muss ich auch schmunzeln und frage, was er denn geantwortet habe. Einer der Besten.

Die Bewohnerin wiederholt ihre Geschichte. Bestohlen, bestohlen, bestohlen habe man sie. Wer sich denn an den Sachen einer armen, kranken, alten Frau vergreifen würde? Ich weiß es nicht. Ich kann ihr auch nicht helfen. ich habe die Dinge nicht, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendjemand sonst. ich glaube ihr nicht, dass die Dinge gestohlen worden sind. Aber die Verzweiflung glaube ich ihr.  Sie beschwert sich über ein Hörgerät. Sie schimpft, schimpft, schimpft weiter. Ich verstehe, sage ich. ich glaube ihnen ja, nicke ich. Doch in mir regt sich weiter Widerstand. Empathie schön und gut. Aber kann ich diese  Art der Verzweiflung verstehen?

Der Herr wurde geröntgt. Ich sehe das Bild mit vielen schwarzen Flecken im Bereich der Lunge. Ich kenne solche Bilder. Ich sehe den Radiologen an und will ihn etwas fragen Er sieht mich an als wüsste er das und sagt etwas davon, dass Diagnose grad nicht seine Aufgabe sei. Aber irgendwo brauche ich das auch gar nicht – ich habe schon verstanden. Wieder warten. Dann mit den Aufnahmen in ein weiteres “Sprech”-zimmer. Für mich wirkt es sehr beengend, mehr wie eine letzte kleine Insel, vor dem weiten Meer. Als Sohn einer Krankenschwester bin ich Krankenhäuser gewohnt. Aber nicht heute. Der Arzt stellt Fragen an den Bewohner. Er beantwortet sie. Wo er kleine Gedächtnislücken hat, teile ich dem Arzt mit, was die Schwestern aus dem Heim mir aufgetragen haben. Gewichtsverlust, Atemprobleme, Auswurf, starkes Schwitzen in der Nacht. Die Antworten des Bewohners und meinerseits werfen Schatten auf des Arztes Gesicht, nicht unähnlich den kleinen unscheinbaren schwarzen Flecken auf der Röntgenaufnahme.

Wie Belichtungsfehler.

Sie wird schon klar kommen, denke ich mir und wende mich ab. Ich kann es nicht mehr hören, diese Klagerei. Bisher mochte sie mich, vielleicht jetzt nicht mehr so sehr. Es ist mir egal. Ich glaube ihr ihre Geschichte. Ich glaube ihr, dass sie es glaubt. Doch das war es. Ähnlich eines Atheisten gegenüber einem Christen, der ihn versteht und akzeptiert. Aber selbst genau weiß, das was der Christ glaubt ist nicht da. Ich gehe, ohne mich umzudrehen.

Während der Arzt einige Dinge notiert, trete ich an ihn heran. Möchte Gewissheit haben. Er sagt mir seine vorläufige Diagnose. Ich nicke. Schatten. Ich gebe ihm die Hand und frage ob ich jetzt gehen könne. Er bejaht und wünscht mir alles Gute. Als wenn ich von den drei Anwesenden im Raum das grade nötig hätte. Ich wende mich schief lächelnd an den Bewohner, reiche ihm die Hand und sage, dass ich ihn dann bald wieder abholen werde. Er hat die Diagnose nicht gehört. Aber er wird es eh wissen. Fünf Sekunden sehen wir uns an, dann nickt er und ich verlasse das Sprechzimmer.

Draußen setze ich mich auf einen Stuhl. Ich weiß nicht wie lange. Drei Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde. Mein Handy ist auf Flight Mode gestellt. Also empfängt es keine Signale. Der soziale Dienst wird mich nicht erreichen können. Später stellt sich heraus, dass sie es auch gar nicht versucht haben. Sie ahnten den Krebs. Und sie schätzten mich richtig ein. Ich fühle mit. Ich mag den Bewohner. Oder mochte. Einer der Besten, sagte er. Ich muss lachen. Doch es bleibt mir Halse stecken, während ich auf den Boden starre. Und warte. Drei Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde.

Ich weiß es nicht.

Ich führe ein Telefonat. Die nette Dame beim Hörgeräteakustiker klingt auch schon genervt. Wir kommen vorbei sage ich ihr. Ich höre sie förmlich die Augen verdrehen. Ja, wieder mit der Dame. Nein, die “gestohlenen” Sachen sind nicht wieder aufgetaucht. Ja, sie ist unzufrieden. Warum?

Ich weiß es nicht.

Wir beenden das Gespräch. Ich schüttle den Kopf. Ich muss lachen und fasse mir an die Stirn.

Das nennt man dann wohl Ambivalenz.




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