Weissefahne schwenken.


Augen, Ohren und Seele
16. Oktober 2008, 19:54
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Von stiller Hoffnung und stummer Trauer

Roman S.* war ein sehr aufgeweckter Bewohner des Heimes. Aufgeweckt im Sinne von geistesgegenwärtig und hilfsbereit. Ich muss vorwegnehmen, dass ich grade einmal dreieinhalb Monate Zeit hatte ihn kennen zu lernen.Ich erwähnte ihn bereits in Noir. Und für mich hat er diese erneute Erwähnung mitsamt der ganzen Umstände des heutigen Tages verdient.

Es ist mal wieder etwa acht Uhr, als ich meine Stempelkarte bei “Früh(schicht) kommt” bedrucken lasse. Die Nacht über habe ich überraschenderweise recht gut geschlafen. Traumlos und tief. Während meines Weges in die Richtung des allmorgendlichen Rapports beim sozialen Dienst begegnet mir der Zimmergenosse Romans.  Ich grüße ihn, wie fast immer, überfreundlich mit einem “Schönen guten Morgen!” und der Frage nach seiner letzten Nachtruhe. “Geht so“, sagt der Bewohner. Nicht mehr. Im Moment dieser knappen Antwort fällt mir der ohnehin denkwürdige Zustand des Bewohners auf. Zusammengesunken, das Gesicht zum Boden gerichtet. Ich beschließe meine Beobachtung meinen Mitarbeitern zukommen zu lassen und betrete das Büro. Ich grüße sie und will grade ansetzen etwas weiteres zu sagen,  da fällt mir meine Chefin ins Wort:

“Roman ist tot.”

Überrascht, trifft es nicht. Schockiert wäre ebenfalls zu drastisch. Am ehesten lässt sich mein Zustand, während ich mit einem bloßen “oh” antwortete, mit enttäuscht beschreiben. Ich weiß nicht von wem, oder von was. Von Roman nicht, ich wusste dass er nicht kämpfen wollte. Von meinen Mitarbeiterinnen auch nicht, denn sie zeigen ihre Menschlichkeit durch ganz offene Emotionen. Nein, womöglich war ich einerseits von mir selbst enttäuscht, nicht mehr Zeit für ihn aufgebraucht zu haben – und andererseits von seiner Krankheit, die uns allen nicht mehr Zeit gelassen hat.

Jetzt wo ich diese Zeilen verfasse frage ich mich außerdem: Hätte irgendwer von uns “sozialen” die Mehrzeit genutzt? Aber auch wenn nicht, könnte man dafür niemandem einen Vorwurf machen, denke ich. Der Tod gehört in diesem Beruf wohl nunmal dazu. Die anderen drei Tode die sich bisher während meiner Dienstzeit ereigneten, haben mich nicht in diesem Maße mitgenommen. Ich vermute mal schwer, da ich die Leute entschieden weniger kannte. Ihn kannte ich ein bisschen besser. Er war jünger als die anderen – grade mal 53 (ich irrte mich in Noir, da sein Geburtsdatum 1955 und nicht sein Alter 55 war).

Am heutigen Tag überkamen mich (mal wieder) einige Zweifel in Sachen sozialer Staat. Beziehungsweise soziale Staatsbürger. Der Bewohner Roman S. verstarb irgendwann in der Nacht. Meine Vorgesetzte wurde um halb sechs in der Früh angerufen. Und abgeholt wurde der Tote erst um sage und schreibe halb eins. Roman war ein Sozialfall. Seine Tochter, zu welcher er kaum Kontakt hatte, war selbst in einer jungen Familie und hatte diese zu versorgen. Von überschüssigem Geld kann hier keine Rede sein. Also auch keine Möglichkeit etwas zum Begräbnis ihres Vaters beizusteuern; außer eventuelle kleinere Summen, sollte dies von diversen Ämtern gefordert werden. Was sie tun konnte, dazu war sie bereit. Die Ereignisse die ich mitbekam, liefen ab wie ein schlechter Film. Es schien unmöglich, diesen Mann zu bestatten. Schon die Abholung und somit die Ermöglichung der Betretbarkeit des Zimmers war ein Unding für anscheinend sämtliche Bestattungsunternehmen im Kreis. Ich habe die Informationen nur aus zweiter Hand, aber anhand der äußerst lebhaften Schimpftiraden meiner Vorgesetzten halte ich sie für sehr authentisch.

Niemand wollte ihn bestatten. Um des Geldes Willen. Das Sozialamt zahle zu wenig für ein Begräbnis. Mein erster Gedanke, als ich dieses Argument hörte, war: Dann sollen sie eben aus den Zähnen seines gottverdammten Gebisses die Sargnägel machen. Dann sparen sie Stahl. Und Menschlichkeit sparen sie noch gratis dazu. Ekelhaft. Abartig. Pervers. Bestatter lassen einen Toten würdelos in seinem Sterbebett liegen, weil sie zu wenig Geld bekommen? Wo leben wir denn?

Es bleibt dabei. Auch nach drei Stunden will niemand unseren verstorbenen Bewohner haben. Sein Zimmergenosse kann während der ganzen Zeit den Raum nicht betreten. Aus rechtlichen  Gründen und aus Respekt. Der Raum ist verschlossen. Das wiederum kann ich verstehen. Lassen wir ihm seine letzte Ruhe auch wirklich eine Ruhe sein. Dass der Zimmergenosse sich aber die Zähne putzen müsste, das wird zu einem Problem. Im ganzen Haus findet sich keine Einwegzahnbürste. Allmählich bekomme ich nicht nur Zweifel am Menschen, sondern auch an meiner Zivildienststelle. Eine Schwester ist dann so resolut und holt das Zahnputz Zeug aus dem Totenzimmer. Schön ist das nicht. Aber zweckmäßig.

Mehr und mehr kristallisieren sich drastische Kontraste für mich heraus. Insbesondere auch bei den geistig fitteren Bewohnern. Während eines Gottesdienstes am heutigen Tag im Speisesaal erwähnt der Pastor, das der Bewohner verstorben sei. Eine Frau schreit auf: “Was, Roman ist tot?” und fängt bitterlich an zu weinen. Sie wohnt auf dem gleichen Flur, aber hat es bis zu dieser Verkündung nicht mitbekommen. Auf der andren Seite steht ein Bewohner bei uns vor dem Büro und beschwert sich lauthals, dass er doch bitte Blättchen für seinen Tabak, zum Zigaretten drehen haben möchte. Währenddessen wird der Sarg an ihm vorbei geschoben. Er schreit einfach weiter. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich den schreienden Bewohner nur für tabaksüchtig. Jetzt halte ich ihn für herzlos.

Betroffenheit auf der einen Seite. Totale Kälte auf der anderen.

Vermutlich ist es so, und wird im Leben immer so bleiben. Selbst wenn es um den Tod geht.

* Name geändert


1 Kommentar bis jetzt
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Das hast du wirklich rührend geschrieben.
Leider ist es wahr, dass der Sozial-Staat die Bezeichnung fast nur noch als leere Worthülse trägt.
Die Würde eines Menschen wird oft jedeglich durch Geld bestimmt, ist das nicht ausreichend oder gar nicht vorhanden ist man nur ein Name auf einem Papier oder ein Stück Fleisch…

Kommentar von Nathalie




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