Weissefahne schwenken.


Atmen.
30. März 2009, 18:29
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Atmen.

Wie lange geht es wohl noch.

Es ist ein schöner Tag in Budapest, der Hauptstadt Ungarns. Die Sonne scheint kräftig, die Straßen sind belebt und ich schlendere mit meiner Freundin durch eben diese. Wir befinden uns ein paar Blocks vom Hauptbahnhof, dem Keleti p., entfernt. Ich sehe auf die Uhr und meine reizende Begleitung bemerkt, dass wir aufbrechen müssen. Wir setzen uns auf ein Motorrad und fahren los. Plötzlich haben wir es sehr eilig. Zum Bahnhof. Jetzt. Schnell. Eigentlich ist er nicht weit entfernt, wie gesagt. Aber wir erreichen ihn nicht. Meine Freundin deutet irgendwann nach rechts, auf einen U-Bahn Zugang. Ich bedanke mich und wir rasen die Treppe hinab.

Wir sitzen in einem Zug und fahren.

Nächstes Bild.

Ich suche nach ihr im ganzen Zug, doch ich kann sie nicht finden. Ich komme im letzten, beziehungsweise im ersten Wagon in Fahrtrichtung an. Dort finde ich sie alleine im Abteil stehend. Das Abteil hat ein großes Fenster. Wir sehen wie unser Zug in voller Fahrt auf einen kreuzenden Zug zurast. Ich frage mich, seit wann Gleise ähnlich wie Straßenkreuzungen angelegt werden und begreife im selben Moment, dass wir sterben werden.

Neben mir erklingt ein erschrockener Aufschrei. Ich blicke sie an und umarme sie. „Danke“, sage ich. Dann prallt unser Zug auf den anderen. Ich schließe die Augen. Mein Körper wird durch die Glasscheibe katapultiert. Ich spüre nicht viel. Nur elektrische Funken scheinen durch meinen Kopf zu fliegen. Wie fühlt sich der Tod wohl an? Ich warte auf das große Nichts. Und atme: Einmal, zweimal. Dann Dunkelheit.

Der Himmel ist grün. Nicht blau oder schwarz, sondern grün. Ich wache an diesem Tag in meinem Bett auf und starre die Decke über mir an. Sie ist grün. Grasgrün. Ich taste meinen eigentlich zerschmetterten Körper ab und glaube nicht, noch zu leben. Ich starre weiterhin. Ungläubig und desorientiert.

Träume, die verrückt machen. Jeder Mensch träumt vom Fallen, vom Sterben. Meist werden in solchen Nächten extreme Situationen verarbeitet. Doch normalerweise ist das Unterbewusstsein so gnädig, dass es einen rechtzeitig aufwachen lässt. Man schlägt nie auf dem Boden auf, man verletzt sich nie wirklich, man sieht den Tod stets nur kommen aber reicht ihm nie die Hand. Nicht so in dieser Nacht. Ich bin nicht schweißgebadet, das Bett ist nicht zerwühlt, nichts dergleichen. Nur ein leichtes Zittern läuft durch meinen Körper, welches sich zeitgleich mit einer grausamen Angst einstellt. Nur langsam beruhige ich mich.

Zweiter Absatz

Ich hatte diesen Traum vor geraumer Zeit. Unmittelbar nachdem ich mich gefangen hatte musste ich ihn aufschreiben, um ihn aus dem Kopf zu bekommen. Dieses Schriftstück ist mir nun – beim sortieren etlicher Schmierereien – wieder in die Hände gefallen. Und mir kam spontan die Idee es zu veröffentlichen, mit ein paar weiterführenden Gedanken. Auslöser für den Traum war zweifelsohne die Trennung von meiner damaligen Freundin. Es kam für mich überraschend und ich konnte es weder glauben, noch wahr haben, noch akzeptieren. Da solche Dinge selten alleine auftreten kamen logischerweise auch diesmal noch andere Faktoren hinzu, die die Situation unglaublich anstrengend und kompliziert machten. Für einen sensiblen Menschen also psychischer Stress in geballter Form. In der Respektive betrachtet ist aber auch eine beendete Beziehung nichts wirklich Extremes. Oder wenn extrem, dann zumindest doch heutzutage nichts Besonderes mehr. Bitte versteht mich hier nicht falsch, aber es ist ja nicht meine erste Trennung gewesen und man sollte ja meinen, dass man irgendwann eventuell gelassener mit sowas umgeht. Abgesehen von diversen Tränen riss ich mich in diesem Fall auch mehr zusammen als im anderen. Und ich vermute, dass genau in diesem Verhalten der grausame Traum begründet ist.

Durch eine gewisse Kälte, beziehungsweise den Gedanken „Ich trauere jetzt einen Tag und dann geht das Leben weiter“ und die damit verbundenen Auflagen habe ich mich geweigert mich weiter mit dem geschehenen auseinander zu setzen. Dadurch fing es dann an zu brodeln und das Unterbewusstsein hat sich stellvertretend mit der Thematik befasst. Danke dafür. Nach dem Traum war ich dann jedenfalls wieder dazu bereit.

Die Frage, die ich mir heute stellte, als ich den Traum – auf Papier gefangen – wieder entdeckte, war eigentlich eine ganz einfache: Wenn ein nicht mal verleugnetes, aber ein verdrängtes Gefühl in den unterbewussten Bereichen des Gehirns schon solch real-heftige Träume auslösen kann, was vermag dann gar ein wirklich einschneidendes Erlebnis –sei es eine Vergewaltigung, ein Amoklauf, ein Unfall und so weiter – mit der menschlichen Psyche anzustellen. Und dann frage ich mich weiterhin: Wie hat man mit diesen Menschen umzugehen? Nach meiner Trennung brachte mir mein Umfeld sehr viel Verständnis entgegen. Jeder weiß, wie es ist verlassen zu werden. Aber wie ist das beispielsweise bei einem traumatisierten Kind, das geschlagen oder anderweitig misshandelt wurde? Womöglich zieht es sich zurück, kapselt sich ab. Fristet ein Dasein als Eigenbrötler. Und wie reagieren die Menschen dann? Sie blocken das andersartige, sie fürchten den Umgang. Dabei kann demjenigen nur durch Konfrontation, beziehungsweise durch eine Aktivierung der Erinnerung und durch den Umgang mit dieser und sich selbst geholfen werden. Doch dafür hat man keine Zeit mehr. Und dieser Gedanke erschreckt mich, weil ich ja an mir selbst sehe, dass ich vieles einfach nicht verstehen kann. Man bemüht sich ein empathischer Mensch zu sein und dennoch stößt man schon im Alltag an seine Grenzen.

Für mich kann es nur eine Lösung geben, die aber viel Aufmerksamkeit und Pflege benötigt: Kommunikation. Schlägt sie auf ganzer Linie fehl, ergibt alles andere so gut wie keinen Sinn mehr. Manche Dinge können wir durch Nachdenken nicht verstehen, sondern nur durchs Nachfragen. Und selbst wenn wir befriedigende Antworten bekommen ist es oftmals immer noch unglaublich schwer aus diesen klug zu werden. Ich mag es eigentlich nicht so sehr in einem Fließtext einen Appell einzubauen, aber ich mache wohl eine Ausnahme: Kommuniziert! Und zwar ehrlich und offen. Mal vielleicht zum Selbstschutz leicht ironisch, aber immer aufrichtig. Wenn wir aufhören miteinander zu sprechen stirbt etwas in uns. Und zwischen uns.

Schwierig an diesem Gedanken ist wohl nur, dass der Gegenpart ebenfalls immer zur Kommunikation bereit sein muss. Ansonsten steht man vor verschlossenen Toren. Und es bleibt einem nichts anderes übrig als einen enttäuschten Seufzer loszulassen, tief ein und auszuatmen und zu versuchen weiter zu machen. Zu kommunizieren. Zu leben. Zu atmen.




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